




Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages fand am Dienstagmorgen auf dem Friedhof Heiligenäcker in Geislingen eine besondere Veranstaltung statt. Dabei wurde sowohl der Opfer des Nationalsozialismus gedacht als auch den zirka 1000 Häftlingen im KZ-Außenlager Geislingen. Die rund 80 Teilnehmer der Veranstaltung erwartete ein vielfältiges Programm aus musikalischen Momenten, Reden und einem Beitrag von Schülerinnen und Schülern der Gymnasien Michelberg und Helfenstein.
Eröffnet wurde die Veranstaltung in der Aussegnungshalle mit einem Musikstück von Pfarrer i. R. Klaus Hoof auf der Klarinette, durch das die Teilnehmer auf den Anlass eingestimmt wurden. Oberbürgermeister Ignazio Ceffalia hielt anschließend in seiner Rede fest: „Musik kann etwas ausdrücken, wofür Worte manchmal nicht ausreichen“. Er bedankte sich dafür bei Herrn Hoof und anschließend auch bei den Anwesenden, die mit ihrer Teilnahme an der Veranstaltung ein wichtiges Zeichen setzten. „Ein Zeichen gegen das Vergessen, gegen Gleichgültigkeit, gegen das Verstummen.“ Denn auch in Geislingen gab es viele Opfer des Holocaust – unschuldige Menschen, an denen schreckliches Unrecht begangen wurde.
Ceffalia erinnerte neben dem industrialisierten Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden auch an die über 800 jüdischen Frauen und Mädchen, die im KZ-Außenlager Geislingen schwerste Zwangsarbeit leisten mussten, wodurch ihnen „unermessliches Leid zugefügt wurde“. Eindrücklich beschrieb er, was sich damals in Geislingen abspielte: „Im Februar 1945 zogen in der Eberhardstraße kahlgeschorene, völlig entkräftete junge Frauen und Mädchen in Häftlingskleidung durch die kalten Straßen – begleitet von bewaffneten SS-Männern, das Klappern ihrer Holzschuhe als einziges Geräusch. Viele von ihnen waren kaum älter als zwölf Jahre. Sie arbeiteten an schweren Maschinen, oft bis zur völligen Erschöpfung. Unfälle waren alltäglich, medizinische Versorgung gab es nicht. Und dennoch schleppten sie sich Tag für Tag zur Arbeit – aus Angst, zurück nach Auschwitz geschickt zu werden.“ Ceffalia appellierte an die Zuhörer, diese Bilder niemals zu verdrängen. Sie gehörten zur Stadtgeschichte und demnach auch „zu unserer Verantwortung.“
Neben der Erinnerung an das unermessliche Leid, das sich während des Holocaust zugetragen hat, ginge es jedoch auch darum, Verantwortung dafür zu tragen, dass sich solche Gräueltaten niemals wiederholten. Dies gelte gerade heute, in Zeiten, in denen die Demokratie zunehmend angegriffen werde. Oberbürgermeister Ceffalia hielt fest: „Wir erleben Hetze, Verschwörungserzählungen, Relativierungen der Geschichte und Angriffe auf Minderheiten. Wir erleben, wie Menschenwürde infrage gestellt wird und wie demokratische Institutionen verächtlich gemacht werden. Gerade deshalb müssen wir uns erinnern. Gerade deshalb müssen wir wachsam sein. Gerade deshalb müssen wir unsere Verfassung schützen.“ Daher rief er dazu auf, bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März wählen zu gehen, um mitzuentscheiden, „in welcher Gesellschaft wir leben möchten.“ Am Schluss seiner Rede fasste er unter anderem zusammen, was in der Gegenwart zu tun sei: „Wir gedenken der Opfer. […] Und wir stehen ein für eine Gesellschaft, in der Menschenwürde unantastbar bleibt.“
Im Anschluss an die Rede trug der Projektchor der Rätsche unter Leitung von Martin Rosengarten das jiddische Lied „Donna Donna“ vor. Dieses von den 22 Sängerinnen und Sängern mehrstimmig vorgetragene Stück spielt auf die Situation der Juden während des Holocaust an.
Speziell auf die Situation in Geislingen bezog sich Altstadtrat Dr. Hansjürgen Gölz, der nach einer kurzen Einordnung des Holocaust-Gedenktages vom Schicksal des jungen Polen Jan Budzyn berichtete. Dieses war von dem Geislinger Wilfried Scheu in den letzten Jahren recherchiert worden. Dr. Gölz nahm die Zuhörer mit hinein in die Geschichte des jungen Polen, der als Zwangsarbeiter nach Geislingen gekommen war, wo er dem Landwirt Matthäus Wittlinger auf dem Lindenhof zugeteilt wurde. Aufgrund einer Annäherung an eine Magd wurde Budzyn ins Geislinger Polizeigefängnis gebracht, da Liebesbeziehungen zwischen Zwangsarbeitern und deutschen Frauen strengstens verboten waren. Aus Stuttgart kamen mehrere SS-Männer mit einem transportablen Galgen. Budzyn wurde am 24. Mai 1942 im Wald an der Grenze der Gemarkung Weiler-Stubersheim exekutiert, allerdings ohne ordentliches Gerichtsverfahren. Dieses Schicksal habe Budzyn laut Dr. Gölz mit vielen Polen teilen müssen. Er berichtete außerdem, dass sich nach Wilfried Scheus Vortrag beim Kunst- und Geschichtsverein im November vergangenen Jahres eine kleine Gruppe von Weilerern und anderen Aktiven gebildet habe. Diese möchte am 24. Mai 2026, Budzyns Todestag, einen Gedenkstein und eine Erinnerungstafel an einem geeigneten Ort errichten. Dr. Gölz schloss mit den Worten: „Wir wollen die Erinnerung an Jan Budzyn wachhalten, das können wir als Nachgeborene für ihn tun.“
Die Erinnerung an persönliche Schicksale hielt auch der Geschichte-Leistungskurs von Dr. Antonia Egel mit seinem Beitrag wach. Die 14 Schülerinnen und Schüler des Michelberg-Gymnasiums und des Helfenstein-Gymnasiums nahmen die Zuhörer zunächst mit hinein in das Schicksal von vier jüdischen Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen in das KZ-Außenlager Geislingen gekommen waren. Anschließend trugen sie das Gedicht „Chor der Geretteten“ von Nelly Sachs vor, das das Leid der Überlebenden des Holocaust beschreibt. Durch ihre Interpretation des Gedichtes, bei der vier Schülerinnen und Schüler dieses zeitlich versetzt begannen und gemeinsam sprachen, wurde die Hilflosigkeit der Überlebenden auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck gebracht. Danach wurde das Gedicht von einer Schülerin und einem Schüler ein zweites Mal einstimmig vorgetragen.
Im Anschluss daran schuf Frau Kohle vom Stadtbehindertenring mit einem Stück auf ihrer Tenorflöte einen Moment der Besinnung, der auch die Möglichkeit gab, über das bisher Gehörte nachzudenken.
Am Ende der Veranstaltung gingen die Besucher gemeinsam nach draußen zum Mahnmal „Geschundener Kopf“. Dort hängten Oberbürgermeister Ceffalia und Herr Dr. Gölz unterstützt von zwei Schülern einen Kranz auf, worauf eine Schweigeminute folgte. Abschließend wurde mit einem Teil der Anwesenden ein Foto für die Kampagne #WeRemember des Jüdischen Weltkongresses und der UNESCO gemacht. Dafür wurden Schilder mit der Aufschrift #WeRemember in die Kamera gehalten. Das Foto wird in den sozialen Medien geteilt und beispielsweise am ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau projiziert. Dadurch soll neben der Erinnerung an die Opfer des Holocaust das Bewusstsein für Antisemitismus und Hass geschärft werden.
Milena Wipfler